1 Kurzdarstellung von SSADM
Die komplexe Methode SSADM (Structured Systems Analysis and Design Method) wurde im Auftrag der britischen Regierung von dem Beratungsunternehmen LBMS (Learmonth and Burchett Management Systems) in Zusammenarbeit mit der CCTA (Central Computer Telecommunications Agency) Anfang der 80er Jahre entwickelt. SSADM wurde 1983 als Standard für IT-Entwicklungsprojekte der britischen Regierung verpflichtend vorgeschrieben. Seitdem findet eine permanente Weiterentwicklung statt. Die zur Zeit gültige Version von SSADM ist die Version 4 (seit Juli 1990) / Downs, 92 /.
Ziel des Einsatzes von SSADM ist die Entwicklung von Informationssystemen auf der Basis von Datenbanksystemen und weniger die Entwicklung von realzeit-orientierter Software. Folglich liegen die methodischen Schwerpunkte auf der Betrachtung von Datenflüssen, Datenmodellen und - als Besonderheit - den zeitlichen Lebenszyklen von Entitäten.
Im Gegensatz zu der strikten Trennung von Vorgehen und Methode beim Entwicklungsstandard für IT-Systeme des Bundes ist bei SSADM ein Vorgehensmodell in die Methode integriert. Das Vorgehensmodell von SSADM stellt für Analyse und Design bei der Systemerstellung (Aktivitäten SE 1 "System-Anforderungsanalyse" bis SE 5-SW "SW-Feinentwurf") detaillierte Vorgehensweisen und Anleitungen in folgenden Bereichen zur Verfügung:
Bewußt ausgeklammert sind jedoch alle Implementierungs- und Integrationsaktivitäten. Ebenfalls sind die begleitenden Aktivitäten der Submodelle PM, KM und QS nicht Gegenstand von SSADM, sondern in gesonderte Methoden ausgelagert (z. B. PRINCE, CRAMM).
Der folgende Abgleich bezieht sich auf die methodischen Komponenten von SSADM im Sinne der Methodenzuordnung. Diese werden im Sprachgebrauch von SSADM als "techniques" bezeichnet. Zu diesen techniques gehören:
- Requirement definition
Es wird hier eine allgemeine Anleitung zur Definition von Anforderungen gegeben.
- Dialogue design
Das "Dialogue Design" besteht aus zwei Schritten. In einem ersten Schritt ("dialogue identification") werden die Dialoge der zu modellierenden Anwendung aus der Sicht der späteren Anwender identifiziert. Zu einem späteren Zeitpunkt erfolgt dann das "dialogue design", bei dem Menüstrukturen und Dialogabläufe aus den Ein-/Ausgaben der Funktionen der Anwendung entwickelt werden.
- Data flow modelling
Mit Hilfe der Datenfluß-Modellierung wird beschrieben, wie die DFD-Prozesse der zu modellierenden Anwendung untereinander und mit der Außenwelt kommunizieren. Die Datenfluß-Diagramme dienen in SSADM hauptsächlich zur Dokumentation und weniger zur Unterstützung des Designs eines Informationssystems.
- Logical data modelling
Die technique "Logical data modelling" basiert auf E/R-Modellen. In einem E/R-Diagramm werden die für eine Anwendung relevanten Entitäten und deren Beziehungen untereinander abgebildet. Für die bei der Analyse identifizierten Funktionen wird der Zugriffspfad auf das E/R-Modell eingezeichnet.
- Business system options
Business system options sind textuelle Beschreibungen des zu realisierenden Informationssystems. Sie können daher auch als Produkt aufgefaßt werden. Unter den Business system options ist für die spätere Implementierung eine Auswahlentscheidung zu treffen.
- Function definition
Funktionen bilden in SSADM die Schnittstelle zwischen Analyse und Design. In der Analysephase identifizierte, logisch zusammengehörige DFD-Prozesse werden unter Berücksichtigung von Anwenderanforderungen zu Funktionen gruppiert.
- Relational data analysis
Im Rahmen der Relational data analysis werden die Entitäten des Datenmodells in Relationen überführt, Schlüsselattribute definiert und die Normalisierung durchgeführt.
- Specification prototyping
Prototyping dient in SSADM hauptsächlich der Überprüfung der Anforderungen auf Fehlerfreiheit und Widerspruchsfreiheit und weniger einer evolutionären Anwendungsentwicklung. Möglichst frühzeitig sollen spätere Anwender Gelegenheit bekommen, sich zu der Benutzeroberfläche oder der geplanten Funktionalität zu äußern.
- Entity event modelling
Die Entity Event Modellierung bildet die Schnittstelle zwischen der Datenseite (E/R-Modell) und den auf den DFD-Prozessen basierenden Funktionen. Es wird hier untersucht, welche von der Außenwelt initiierten Ereignisse die zu realisierende Anwendung betreffen, wie sie funktional darauf zu reagieren hat und welche Entitäten von der Verarbeitung des Ereignisses betroffen sind.
- Technical system options
Technical system options entsprechen in ihrem Charakter den business system options. Betrachtungsgegenstand sind hier jedoch technische Aspekte der zu realisierenden Anwendung.
- Logical database process design
Beim Logical database process design wird die innere Struktur der Prozesse, die auf die Datenbank zugreifen, spezifiziert. Hierbei wird auf den Ergebnissen der Datenanalyse (Zugriffspfade im E/R-Modell) und des Entity-event modelling (Entity Life Histories) aufgebaut.
- Physical data design
Hier wird das logische Datenmodell, das in einer normalisierten Relationenform vorliegt, in ein physisches Design umgesetzt.
- Physical process specification
Im Rahmen der Physical process specification werden Software-Module bestimmt, die die identifizierten Funktionen realisieren. Die Struktur der Module wird auf dem Detaillierungsgrad einer Programmiervorgabe vorgegeben.
2 Tabellarische Gegenüberstellung
Die folgende Tabelle stellt den Elementarmethoden die methodischen Komponenten (techniques) von SSADM gegenüber. Falls sich in der zweiten Spalte der Tabelle kein Eintrag befindet, gibt es in SSADM keine Entsprechung. Sonst verweist ein Eintrag auf die entsprechende Stelle in der Literatur. Eine Erläuterung zum Eintrag findet sich in Teil 3 des Abgleichs. Einträge, die durch einen Stern (*) gekennzeichnet sind, betreffen Methoden, die durch SSADM vollständig abgedeckt und nicht weiter zu erläutern sind.
| Gegenüberstellung der Elementarmethoden und der methodischen Komponenten von SSADM | ||
| AUD Audit | ||
| AVK Analyse verdeckter Kanäle | ||
| BALK Balkenplan | ||
| BAUM Baumdiagramm | ||
| BBTE Black-box-Testfallentwurf | ||
| CRC Class-Responsibility-Collaboration | ||
| DIAL Dialog Design Modellierung |
Dialogue design
/ Downs, 92 / Kapitel 3.4 |
|
| DFM Datenfluß-Modellierung |
Data flow modelling
/ Downs, 92 / Kapitel 3.5 |
|
| DNAV Data Navigation Modelling |
Logical data modelling
/ Downs, 92 / Kapitel 3.6 |
|
| DVER Designverifikation | ||
| ELH Entity Life History |
Entity event modelling
/ Downs, 92 / Kapitel 3.11 |
|
| ER E/R-Modellierung |
Logical Data Modelling
/ Downs, 92 / Kapitel 3.6 (*) |
|
| ETAB Entscheidungstabellentechnik | ||
| EVV Earned Value Verfahren | ||
| EXPM Expertisemodell | ||
| FKTD Funktionale Dekomposition |
Data flow modelling
/ Downs, 92 / Kapitel 3.5 |
|
| FMEA Failure Mode Effect Analysis | ||
| FNET Funktionsnetz-Modellierung | ||
| FS Formale Spezifikation | ||
| IAM Interaktionsmodellierung | ||
| KFM Kontrollfluß-Modellierung | ||
| KOM Klassen-Objektmodellierung | ||
| LOGM Logische DB-Modellierung |
Relational data analysis
/ Downs, 92 / Kapitel 3.9 |
|
| MODIAG Moduldiagramme | ||
| NORM Normalisierung |
Relational data analysis
/ Downs, 92 / Kapitel 3.9 (*) |
|
| NPT Netzplan-Technik | ||
| NWA Nutzwert-Analyse | ||
| OBJE Objektentwurfstechnik | ||
| OGG Organigramm | ||
| PCODE Pseudocode |
Logical database process design
/ Downs, 92 / Kapitel 3.13 |
|
| PRODIAG Prozeßdiagramme | ||
| PVER Programmverifikation | ||
| PZIM Prozeßinteraktionsmodellierung | ||
| REV Review | ||
| SIMU Simulationsmodelle | ||
| SMOD Schätzmodelle | ||
| SSM Subsystemmodellierung | ||
| STAT Statische Analyse | ||
| STRD Structured Design |
Entity event modelling
Logical database process design / Downs, 92 / Kapitel 3.11 und 3.13 |
|
| SVM Systemverhaltensmodelle | ||
| T Testen | ||
| TRDA Trend-Analyse | ||
| UCM Use-Case-Modellierung | ||
| WBTE White-box-Testfallentwurf | ||
| ZUST Zustandsübergangsmodellierung | ||
| ZUSTO Zustandsmod. im obj.-orient. Bereich | ||
| ZUVM Zuverlässigkeitsmodelle | ||
Tabelle 2.8: Elementarmethoden - SSADM
3 Detaillierung der Zuordnung
Dialog Design Modellierung (DIAL)
Entsprechung in SSADM: / Downs, 92 / Kapitel 3.4 "Dialogue design", S. 96
Erläuterung
Die Methode Dialogue Design besitzt zwei "sub-techniques":
- im ersten Schritt werden in Rahmen der "Dialog Identification" die Nutzer und die von ihnen benötigte Funktionalität des zu realisierenden Informationssystems identifiziert,
- im zweiten Schritt findet ein logisches "Dialog Design" statt, bei dem die Informationsflüsse, die in das Informationssystem hinein- und herausfließen, beschrieben werden.
Die Gestaltung der Maskenlayouts oder die Implementierung der Dialoge ist nicht Gegenstand der Methode.
Datenfluß-Modellierung (DFM)
Entsprechung in SSADM: / Downs, 92 / Kapitel 3.5 "Data flow modelling", S. 103
Erläuterung
Die Datenfluß-Modellierung in SSADM deckt die Elementarmethode DFM vollständig ab. Zusätzlich zu den bei DFM geforderten grafischen Darstellungsmitteln "Prozeß", "Terminator", "Datenfluß" und "Datenspeicher" existieren als Besonderheit in SSADM sog. "physical Flows", die den Materialfluß zwischen den Nutzern (Terminatoren) und dem zu modellierenden System (Prozessen) beschreiben. Diese dienen der fachlichen Beschreibung und werden nur bei Datenflußdiagrammen auf oberster Ebene eingesetzt.
Data Navigation Modelling (DNAV)
Entsprechung in SSADM: / Downs, 92 / Kapitel 3.6 "Logical data modelling", "Enquiry Access Paths", S. 136
Erläuterung
Aufbauend auf dem E/R-Diagramm und den identifizierten Funktionen des Informationssystems wird für alle zu realisierenden Datenbankabfragen der Name der Abfrage festgelegt, das auslösende Ereignis und die von der Abfrage betroffenen Daten beschrieben (Schlüssel, Selektionskriterien) und der Pfad durch das Datenmodell bei Durchführung der Abfrage beschrieben.
Entity Life History (ELH)
Entsprechung in SSADM: / Downs, 92 / Kapitel 3.11 "Entity event modelling", "Entity Life Histor"Y, S. 170
Erläuterung
Für jeden Entitätstyp werden grafisch alle möglichen Abfolgen von Operationen im Leben einer Entität beschrieben. Als Beschreibungsmittel dienen Structure Charts. ELH werden benutzt, um die Vollständigkeit der funktionalen Beschreibung zu überprüfen, Abhängigkeiten zwischen Funktionen zu beschreiben und Testfälle abzuleiten.
Funktionale Dekomposition (FKTD)
Entsprechung in SSADM: / Downs, 92 / Kapitel 3.5 "Data flow modelling", S. 103
Erläuterung
Die Funktionale Dekomposition ist in der technique "Data flow modelling" implizit enthalten. Die bei der Analyse der Datenflüsse identifizierten Prozesse werden auf unteren Ebenen hierarchisch verfeinert. Die bei der Datenfluß-Modellierung entstehenden Prozesse lassen sich zu einer Baumstruktur anordnen.
Logische DB-Modellierung (LOGM)
Entsprechung in SSADM: / Downs, 92 / Kapitel 3.9 "Relational data analysis", S. 149
Erläuterung
Die technique "Relational data analysis" deckt die Elementarmethode LOGM für den Bereich relationaler DB-Systeme vollständig ab. Ergebnis der Umsetzung des E/R-Modells sind Tabellen, die die Schlüssel und Attribute der Entitäten beschreiben. Beziehungen zwischen Entitäten werden (nach voriger Normalisierung) durch Fremdschlüssel realisiert.
Pseudocode (PCODE)
Entsprechung in SSADM: / Downs, 92 / Kapitel 3.13 "Logical database process design", S. 198
Erläuterung
Das Logical database process design dient zur Beschreibung der Prozesse, die auf eine Datenbank zugreifen. Nicht betrachtet werden solche Prozesse, die Daten über die Benutzerschnittstelle empfangen oder senden, oder solche, die technische Aspekte abbilden.
Ergebnis der Beschreibung ist ein Process Structure Diagram, das um Operationen und Kontrollstrukturen erweitert wird.
Structured Design (STRD)
Entsprechung in SSADM: / Downs, 92 / Kapitel 3.11 "Entity event modelling" S. 170; Kapitel 3.13 "Logical database process design", S. 198
Erläuterung
Die Structure Charts aus STRD werden in SSADM an verschiedenen Stellen eingesetzt. Zum einen werden Entity Life Histories mit Hilfe von Structure Chart dargestellt, zum anderen finden sie bei der Beschreibung der Struktur von Prozessen Verwendung.
4 Literatur
/
Downs,
92 / E. Downs, P. Clare, I. Coe: Structured Systems Analysis and Design - Method, Application and Context; Second Edition
Prentice Hall, Englewood Cliffs, NJ, 1992